Wie Kaffee die Schweiz eroberte: 400 Jahre Kaffeegeschichte

5 juin 2026 Dernière mise à jour le 5 juin 2026 Joscha Gewinner
Wie Kaffee die Schweiz eroberte: 400 Jahre Kaffeegeschichte

Dieser Artikel erschien erstmals im Buch «Kaffee Erlebnis Schweiz» von Joscha Gewinner (Erstveröffentlichung: 2022, ASVerlag, Ziegelbrücke):

Die Schweiz ist ein Kaffeeland. Das zeigen nicht nur die vielen Kaffeebecher in den Händen der vielen Pendler an den Bahnhöfen und Haltestellen des Landes. Das zeigen auch die Wirtschaftsdaten, die belegen, dass die Schweiz seit zehn Jahren der grösste Kaffeeexporteur der Welt und eines der wichtigsten Standorte für Kaffeeautomaten ist. Den Schweizern sind ihre Kaffee Cremas und ihre Espressi heilig, daher gehören teure Espressomaschinen in jedes Büro und in fast jede Heimküche. Und das liegt weniger daran, dass die Schweizer sich einen teuren Lebensstil einfach leisten können und damit protzen würden. Nein, sondern vielmehr an einer jahrhundertealten Vorgeschichte, in der Kaffee zunächst ein Privileg für wenige, dann ein Luxusgut für besondere Anlässe des Mittelstands und später ein Grundnahrungsmittel für alle wurde. Doch wann der Kaffee in die Schweiz kam und wie rasch er sich in der Bevölkerung verbreitete, das wissen heute die wenigsten in der Schweiz.

Kurzüberblick

  • Der erste bekannte Schweizer Kaffeetrinker dokumentierte seine Erfahrungen bereits im Jahr 1612 in Istanbul.
  • Kaffee war in der Schweiz lange ein Luxusgut und wurde zeitweise sogar verboten.
  • Der schweizerische Milchkaffee entstand ursprünglich aus Ersatzkaffee und reichlich Milch.
  • Kaffeehäuser waren wichtige Treffpunkte für Kaufleute, Politiker und Intellektuelle.
  • Die Schweiz erfand mit Nescafé, Nespresso und dem Kaffeevollautomaten mehrere Meilensteine der modernen Kaffeegeschichte.
  • Heute zählt die Schweiz zu den wichtigsten Standorten des weltweiten Kaffeehandels.

Inhaltsverzeichnis

Von Äthiopien nach Europa

Als vor über vierhundert Jahren erste gedruckte Berichte von europäischen Orientreisenden über den noch völlig unbekannten Kaffee nach Europa drangen, da war das Rösten, Mahlen und heisse Aufgiessen der Bohnen in den damaligen islamischen Zentren seit Jahrzehnten verbreitet. Die Kaffeepflanze stammte ursprünglich aus Äthiopien. Der Legende nach soll erstmals der Hirte Kaldi die aufputschende Wirkung des Kaffees erkannt haben, als seine Ziegen infolge des Verzehrs der Kaffeekirschen nicht mehr zu beruhigen waren. Erste Erwähnungen des Kaffees stammen aus dem Jahr 900 n. Chr. aus der namensgebenden Region Kaffa in Äthiopien.

Es dauerte jedoch noch 500 Jahre, bis der Kaffee seinen Weg über das Rote Meer ins gegenüberliegende Jemen fand, um dort erstmals landwirtschaftlich kultiviert zu werden. Mit dem Beginn der Kultivierung der Kaffeepflanze ab 1400 n. Chr. verbreitete sich der Kaffeekonsum im Nahen Osten rasch. Erste Kaffeehäuser entstanden wohl in Kairo oder in Syrien. Islamische Pilger lernten diese auf ihren Reisen nach Mekka und anderen heiligen Stätten kennen und nahmen den Kaffeebrauch mit in ihre Heimatorte. So auch nach Konstantinopel, das ab 1453 unter osmanischer Herrschaft stand und von den neuen Bewohnern im Alltagsgebrauch Istanbul genannt wurde. Erste Kaffeehäuser entstanden dort in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts.

Historischer niederländischer Kupferstich der jemenitischen Hafenstadt Mokka mit Segelschiffen auf stürmischer See im Vordergrund und einer detaillierten Stadtansicht.
Bild: Kupferstich von Olfert Dapper (1636–1689) über die jemenitische Hafenstadt Mokka, Erstveröffentlichung: 1680. Bis 1711 hielt die Stadt am Roten Meer das Handelsmonopol auf Kaffee. Dann erreichte die erste grosse Ladung Kaffee aus Java den Amsterdamer Markt.

Die Kaffeehauskultur in der islamischen Welt entstand in einer Zeit, als sich die Europäer in einer Aufbruchsstimmung befanden. Der Entdeckergeist wurde nicht zuletzt durch Christoph Kolumbus' Reise in die Neue Welt geweckt. Das Ende des Spätmittelalters und der Beginn der Neuzeit zeichneten sich durch die Neugier auf fremde Länder, Kulturen und deren Gewohnheiten aus. In Büchern verfasste Reiseberichte gewannen an Beliebtheit, eröffneten sie den Daheimgebliebenen doch einen bisher verschlossenen Einblick in andere Welten.

So waren es solche Reiseberichte, in denen erstmals der Kaffeebrauch der islamischen Welt einem europäischen Publikum vorgestellt wurde. Es war der Augsburger Stadtarzt und Botaniker Leonhart Rauwolf, der in seinem 1582 erschienenen Reisebericht als erster Europäer die Sitte des Kaffeetrinkens beschrieb, die er in den Kaffeehäusern Aleppos in Syrien beobachtete: «Chaube von inen genennet das ist gar nahe wie Dinten so schwartz».

Auch die Schweizerinnen und Schweizer erfuhren erst durch einen Reisebericht vom als merkwürdig empfundenen Brauch der Türken, schwarzes, heisses Wasser bei angeregten Gesprächen in eigens dafür vorgesehenen Wirtshäusern zu trinken. Es war Johann Jacob Ammann aus einer angesehenen Barbiersfamilie aus Thalwil bei Zürich, der 1612, kurz vor dem Ausbruch des Dreissigjährigen Krieges, als Wundarzt eine österreichisch-kaiserliche Gesandtschaft nach Istanbul begleiten durfte.

Johann Hans Jacob Ammann aus Thalwil, der erste Schweizer Kaffeehausbesucher
Bild: Johann Hans Jacob Ammann berichtete 1612 als erster Schweizer vom Kaffeetrinken in den Kaffeehäusern Istanbuls. (Quelle: Wellcome Library no. 658001i)

Seine niedergeschriebene Erzählung über seine «Reiss in das Gelobte Land» mit der Episode über die «andere[n] wirtzhäuser» der Türken, in denen die Wirte ihren Gästen nichts anderes zu trinken gegeben hätten als «schwartz wasser», brachte dem gefeierten Heimkehrer sogar das Bürgerrecht der Stadt Zürich ein. Das Glück blieb Ammann jedoch nicht lange gewährt. In der streng religiösen Zwinglistadt an der Limmat missfiel er durch abweichende theologische Überzeugungen und seine Abwesenheit bei Gottesdiensten, was schliesslich seine Wiederausbürgerung zur Folge hatte. Dennoch fand der Thalwiler mit seinen frühen Schriften über die Kaffeehäuser in Istanbul seinen festen Platz in den Geschichtsbüchern des Kaffees.

Bild: Die Miniatur aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts zeigt ein typisches osmanisches Kaffeehaus aus der Zeit. Eines in dieser Art könnte der Thalwiler Ammann 1612 besucht haben. (Quelle: The Chester Beatty Library, Dublin, Inv. No. 439, fol. 9a.)

Erste Spuren des Kaffeekonsums in Europa finden sich im Venedig der 1630er-Jahre. Während sich die Länder nördlich der Alpen zunehmend in den Auseinandersetzungen des Dreissigjährigen Kriegs verstrickten, verkauften erstmals venezianische Apotheker Kaffee in der Lagunenstadt, den sie wahrscheinlich zuvor von osmanischen Kaufleuten erworben hatten.

Dass zunächst ausgerechnet die Apotheker den Rohkaffee anboten, war kein Zufall. Denn vom Kaffeegenuss erhofften sich die Venezianerinnen und Venezianer heilende Wirkungen, etwa für den Magen. Die Idee vom gesunden Kaffee setzte der Arzt und Botanikprofessor Prosper Alpinus aus Padua in die Welt, dessen Illustration von 1592 die erste zeichnerische Darstellung der Kaffeepflanze in Europa überhaupt war.

Doch nach und nach wurde der Kaffee immer mehr auch als Genussmittel geschätzt. Das erste Kaffeehaus auf europäischem Boden eröffnete 1645 am venezianischen Markusplatz, ein Vorläufer des heutigen Café Florian, und war zunächst ein Treffpunkt internationaler Kaufleute. Fünf Jahre später folgte in Oxford das erste Kaffeehaus Englands. Doch erst das zwei Jahre später eröffnete Etablissement in London setzte eine Bewegung in Gang, die sich in zahlreichen weiteren Eröffnungen in London und vielen anderen Städten Europas manifestierte, etwa in Marseille (1659), Amsterdam und Den Haag (beide 1663), Paris (1672) und Bremen (1673).

Schon sehr früh hatten im Ausland lebende Schweizerinnen und Schweizer einen entscheidenden Einfluss auf die Verbreitung der Kaffeehauskultur in Europa. Nachdem die Drei Bünde, ein Freistaat im Gebiet des heutigen Kantons Graubünden, den Vorschlag Venedigs ablehnten, die Handelswege zwischen den Bündner Alpenpässen und der Lagunenstadt auszubauen, verloren die Bündnerinnen und Bündner sämtliche ihnen zuvor gewährten Privilegien.

1666 mussten daher rund 3'000 Bündnerinnen und Bündner die Stadt Venedig verlassen. Sie waren dort als Zuckerbäcker, Branntweinverkäufer und Scherenschleifer tätig und dominierten diese Branchen teilweise seit Generationen. Nach ihrer Vertreibung verstreuten sie sich über ganz Europa, eröffneten in zahlreichen Städten Kaffeekonditoreien und prägten von Porto bis Odessa und von Kopenhagen bis Palermo die Kaffeehauskultur weiter Teile des Kontinents.

Flüchtlinge bringen die Kaffeehauskultur in die Schweiz

Bis der Kaffeehandel auch die Binnenstädte der heutigen Schweiz erreichte, dauerte es nur noch wenige Jahrzehnte. Über den Rhein und die Rhône waren Basel und Genf mit den wichtigsten Umschlagplätzen des damaligen Kaffeehandels, Amsterdam und Marseille, verbunden. Schriftlich belegt sind erste Kaffeehäuser durch überlieferte Tanzverbote in Basel um 1695. Obrigkeitliche Mandate in Genf legen nahe, dass Kaffee in der Romandie spätestens um 1700 in grossen Mengen gehandelt wurde. Während Kaufleute die Kaffeebohnen in die Schweiz lieferten, brachten protestantische Geflüchtete aus Frankreich die Kaffeehauskultur in die Eidgenossenschaft.

In den 1680er-Jahren flohen mehrere zehntausend Hugenotten in die Schweiz oder durchquerten sie auf ihrem Weg in andere Länder. Allein an Zürich sollen zwischen 1683 und 1710 mehr als 40'000 Glaubensflüchtlinge vorbeigezogen sein. Zum Vergleich: Die Einwohnerzahl der Limmatstadt betrug damals nur etwa 12'000 Menschen. Die Hugenotten erwiesen sich als wahrer Segen für die Städte und Regionen zwischen Genfersee und Bodensee. Mit ihren geschätzten handwerklichen Fähigkeiten belebten sie die Textil- und Uhrenindustrie und errichteten erste Kaffeehäuser, etwa um 1693 in der Stadt Bern.

Kaffeeverbote, hohe Preise und der Ursprung des schweizerischen Milchkaffees

Im anlaufenden 18. Jahrhundert hatte der Kaffee keinen leichten Stand in den ständischen Gesellschaften der Schweiz. Neben den erwähnten Tanzverboten in Basel versuchten auch die Obrigkeiten der anderen Städte die Kaffeesitte in den Wirts-, Kaffee- und Zunfthäusern einzuschränken. In Bern befürchtete man einen schlechten Einfluss auf die Jugend und zwang viele Kaffeehäuser der Hugenotten zur Schliessung, weil Gäste dort Tagesneuigkeiten ausgetauscht hatten. Auch die Stadt Lausanne, das Bern seit 1536 unterworfen hatte, musste auf Drängen seiner Vorherrscher einige Kaffeehäuser um die Jahrhundertwende schliessen.

In Zürich wurde der Kaffeekonsum ab 1701 und bis zur Eroberung der Schweiz durch Napoleon im Jahr 1798 mehrfach eingeschränkt. So durfte Kaffee bei offiziellen Anlässen wie Hochzeiten oder anderen Zusammenkünften in Gast- und Zunfthäusern nicht ausgeschenkt werden. Missbilligt wurde insbesondere die Zurschaustellung eines Luxuskonsums, die sich mit den Werten des zwinglianischen Zeitgeists nicht vereinbaren liess.

Doch trotz aller Bemühungen gelang die Durchsetzung der Kaffeeverbote in der Schweiz selten. Ganz im Gegenteil. Zwar wird in der Stadt Zürich von 1778 der Jahresverbrauch pro Kopf nicht die vom zeitgenössischen und sozialkritischen Pfarrer Johann Heinrich Waser kolportierten 6,7 Kilogramm Bohnenkaffee erreicht haben. Aber wenn man bedenkt, dass zum damaligen Zeitpunkt der Preis für ein Pfund Kaffee ungefähr dem Tagesgehalt eines einfachen Handwerkers entsprach, kann man sich vorstellen, dass sich die Stadtzürcherinnen und Stadtzürcher die drei Tassen Kaffee am Tag einiges kosten liessen.

Der neue Kaffeebrauch gelang über Textilverleger, Tüchler, Dienstboten und Fuhrleute auf das Land. Trotz der anfangs hohen Preise verbreitete sich der Kaffeekonsum allmählich in der Landbevölkerung, zunächst in wohlhabenden Gegenden wie dem Berner Mittelland, später auch im Berner Jura sowie in den Kantonen Luzern, Schwyz und Thurgau. Erst ab den 1830er-Jahren konnten auch die Tessiner in Sachen Kaffeekonsum langsam mitreden. Da waren bereits zweihundert Jahre vergangen, seit die venezianischen Apotheker den Kaffee erstmals in Europa auf den Markt gebracht hatten.

Den Kaffee von damals kann man mit dem, was man heute in einer Tasse vorfindet, kaum vergleichen. Reiche Stadtbürgerinnen und Stadtbürger tranken ihn mit fünf bis sechs Gramm pro Tasse deutlich dünner. Zum Vergleich: Heute rechnet man bei einer Tasse Filterkaffee mit 200 Millilitern Wasser mit zwei- bis dreimal so viel Kaffeepulver.

Auf dem Land dagegen handelte es sich beim ausgeschenkten Kaffee im ausgehenden 18. und 19. Jahrhundert fast ausschliesslich um gestreckten Kaffee oder Ersatzprodukte, die im Ergebnis wie Kaffee schmecken sollten. So wurden etwa Zichorien («Wegluegeren»), Rüben oder Eicheln gesammelt, enthülst, geröstet und zu Pulver gemahlen.

Schwarz getrunken schmeckte dieser Ersatzkaffee sehr bitter. Deshalb wurde reichlich Milch hinzugegeben, um ihn halbwegs geniessbar zu machen. Dieser «Milchkaffee» war ab 1800 fester Bestandteil des typischen Bauernfrühstücks und trug zu einer gesünderen Ernährung bei, löste er doch den Schnaps oder sauren Wein ab, der zuvor zum Hirse- oder Haferbrei serviert wurde.

Zum Ende des 19. Jahrhunderts war diese Zubereitung in der Landbevölkerung derart verankert, dass der «Milchkaffee» vielen ausländischen Reisenden als schweizerische Eigenart auffiel. Reiner Bohnenkaffee wurde nur selten ausgeschenkt, etwa an Festtagen oder bei Besuch, und auch dann sehr sparsam. Als Norm galten im 19. Jahrhundert vier Kaffeebohnen pro Person.

Kaffeehäuser in Zürich

In Zürich etablierte sich die Kaffeehauskultur recht spät. Der älteste Beleg stammt aus einem französischsprachigen Reiseführer durch die Schweiz von 1796, in welchem ein Café im Zipfelhaus erwähnt wurde, wo gut zwei Jahre vor der Eroberung der Schweiz durch Napoleon nationale und internationale Zeitungen gelesen werden konnten.

In den Phasen der Restauration und Regeneration nach dem Wiener Kongress (1815), die letztlich in der Bundesstaatsgründung von 1848 mündeten, politisierte sich die Bevölkerung zunehmend und spaltete sich in konservative, liberale und liberal-radikale Lager auf. Nicht zufällig erlebte die Stadt in diesen Phasen einen wahren Boom an neuen Kaffeehäusern, wo Reisende auf Stadtzürcher trafen, sich Neuigkeiten austauschten und politisch agitierten. Kaffeehäuser dienten in einer Zeit, in der keine Bibliotheken oder sonstigen öffentlichen Lesesäle existierten, als Bildungsstätten und Orte des Informationsaustauschs.

Das Bild «Zürich am Weinplatz» von Johannes Ruff (ca. 1835) zeigt u.a. das Café zum roten Turm (Café Littéraire), das sich neben dem Hotel Storchen befand und später abgerissen wurde.
Bild: Blick auf den Weinplatz von Zürich (ca. 1835 von Johaness Ruff). Das Café Littéraire befand sich im achtstöckigen Haus neben dem Hus am Storchen (Quelle: Zentralbibliothek Zürich, Grafische Sammlung und Fotoarchiv).

Im Café du Commerce des Zunfthauses zur Saffran am Limmatquai, in dem sich ab den 1820er-Jahren die konservativen Kräfte trafen, diente der Kaffeehausbetrieb darüber hinaus den in- und ausländischen Kaufleuten als Börse. Das Café Littéraire am Weinplatz, auch bekannt als Café zum roten Turm, wurde in zeitgenössischen Berichten erstmals 1804 erwähnt und war als Treffpunkt der liberalen bis liberal-radikalen Bewegung bekannt. In der Nacht vor dem 6. September 1839, als die aufgebrachte Landbevölkerung zum Züriputsch in die Stadt zog und die liberale Regierung mit Gewalt zum Rücktritt zwang, trafen sich dort die Anhänger der Regierung, die das Unheil herannahen sahen.

Grosse Berühmtheit weit über die Landesgrenzen hinaus erlangte das Café Littéraire und sein Wirt Johann Gross im Jahr 1845, als dieser in einer Nacht-und-Nebel-Aktion den im konservativ regierten Luzern inhaftierten Liberalen Dr. Robert Steiger befreite und zurück nach Zürich brachte. Die Zeitung «Schweizerische Republikaner» aus Zürich feierte den Wirt Gross in ihrer Ausgabe vom 1. Juli euphorisch als einen Mann, der nicht nur für Trank und Speise, sondern auch für die Freiheit sorge.

Der Zürcher Kaufmann Julius Uster hatte Glück im Unglück. Der Gründer des Grand Café Odeon musste während der Bauphase Konkurs anmelden. Doch weil er in der spanischen Lotterie gewann, konnte er das Kaffeehaus am 1. Juli 1911 doch noch eröffnen. Hugo Laubi gestaltete das Plakat 1920 im Auftrag des «Grand Café Odeon», das heute in der Café Bar am Bellevue hängt. Foto: Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, ZHdK
Bild: Der Zürcher Kaufmann Julius Uster hatte Glück im Unglück. Der Gründer des Grand Café Odeon musste während der Bauphase Konkurs anmelden. Doch weil er in der spanischen Lotterie gewann, konnte er das Kaffeehaus am 1. Juli 1911 doch noch eröffnen. Hugo Laubi gestaltete das Plakat 1920 im Auftrag des «Grand Café Odeon», das heute in der Café Bar am Bellevue hängt (Quelle: Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, ZHdK).

Mit der Zeit verloren die Kaffeehäuser in Zürich ihre politische Bedeutung. Doch ihre Rolle als Intellektuellentreffpunkte hielt sich bis ins 20. Jahrhundert. Besonders das Grand Café Odeon, das seit seiner Eröffnung um 1911 viele prominente Besucherinnen und Besucher empfing, wurde zu einem Symbol dieser Tradition. Zu den Gästen des im Jugendstil eingerichteten Kaffeehauses gehörten so unterschiedliche Persönlichkeiten wie Lenin und Mussolini, die Schweizer Schriftsteller Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt sowie internationale Intellektuelle wie Klaus Mann, James Joyce und William Somerset Maugham.

Das 20. Jahrhundert

Kaffee galt noch bis ins 20. Jahrhundert als Luxusgut und wurde von Mägden und Hausfrauen häufig selbst geröstet. Den Rohkaffee kauften sie meist in Kolonialwarenläden. In vielen Kochbüchern des 19. Jahrhunderts finden sich detaillierte Anleitungen, wie guter Rohkaffee zu erkennen und in der Röstpfanne zuzubereiten sei.

Mit dem Wandel von der Agrar- zur Industriegesellschaft verbrachten die Menschen zunehmend weniger Zeit zu Hause. Dadurch verlagerte sich auch das Rösten des Kaffees vom Haushalt in den Handel. Das traditionsreiche Spezialitätengeschäft Schwarzenbach im Zürcher Oberdorf, das seit 1864 Kaffee und andere Kolonialwaren verkauft, begann beispielsweise erst 1928 damit, Kaffee für seine Kundschaft zu rösten.

Die Kaffeepreise sanken zudem durch das Aufkommen der Konsumvereine in der Schweiz. Diese entstanden seit den 1840er-Jahren in verschiedenen Kantonen als Reaktion auf hohe Lebensmittelpreise und schlossen sich 1890 zum Verband Schweizerischer Konsumvereine (VSK) zusammen, aus dem später die Coop Genossenschaft hervorging.

In der ersten Preisliste der Migros vom 1. Januar 1925 kostete ein Kilogramm Kaffee je nach Mischung zwischen CHF 3.85 und 4.90.
Bild: In der ersten Preisliste der Migros vom 1. Januar 1925 kostete ein Kilogramm Kaffee je nach Mischung zwischen CHF 3.85 und 4.90 (Quelle: Migros-Genossenschafts-Bund).

Auch gerösteter Kaffee gehörte zum ersten Sortiment der fahrenden Läden der Migros. Deren Gründer Gottfried Duttweiler erkannte in den 1920er-Jahren die grossen Preisunterschiede zwischen Gross- und Detailhandel. Durch die konsequente Anwendung moderner Produktions- und Vertriebsprinzipien gelang es ihm, die Kosten für Kaffee nachhaltig zu senken. Coop und Migros sind heute die mit Abstand umsatzstärksten Detail- und Grosshändler der Schweiz.

Wer hat's erfunden?

1929 trafen rekordverdächtige Ernteerträge in Brasilien auf die vom Schwarzen Freitag ausgelöste Weltwirtschaftskrise. Weil die Kaffeepreise in der Folge in den Keller purzelten, wurden grosse Mengen an Rohkaffee in den Atlantik gekippt oder verbrannt. Die «Banque Française et Italienne pour l’Amérique du Sud» mit Sitz in Brasilien blieb auf riesigen Mengen Rohkaffee sitzen und suchte nach Möglichkeiten, den Kaffee zu retten. Mit der Idee, den Kaffee haltbarer zu machen, indem man daraus lösliche Kaffeewürfel herstellt, wandten sich führende Mitarbeiter an Louis Dapples, einen ehemaligen Direktor der Bank, der inzwischen Chef eines Schweizer Unternehmens war, das bereits Erfahrung mit der Pulverisierung von Milchgetränken hatte. Der Name der Firma: Nestlé.

Max Morgenthaler, der Erfinder von Nescafé, hatte bei Nestlé das am besten ausgestatte Labor, das nur er und eine Mitarbeiterin be- treten durften. Foto:  Nestlé Historical Archives, Vevey
Bild: Max Morgenthaler, der Erfinder von Nescafé, hatte bei Nestlé das am besten ausgestatte Labor, das nur er und eine Mitarbeiterin be- treten durften (Quelle: Nestlé Historical Archives, Vevey).

Dapples beauftragte den Chemiker Max Morgenthaler damit, nach Methoden zu suchen, den Kaffeegeschmack besser zu konservieren als es der damalige Instantkaffee aus den Vereinigten Staaten vermochte. Morgenthaler hatte zunächst keinen Erfolg, weshalb Nestlé das Projekt nach vier Jahren vorerst einstellte. Doch der Chemiker gab nicht auf und forschte auf eigene Faust in seinem Zuhause oberhalb von Vevey weiter, bis ihm 1936 tatsächlich der Durchbruch gelang. Mithilfe zugesetzter Kohlenhydrate konnte er die Aromen länger binden. Der lösliche Kaffee liess sich dadurch deutlich länger lagern.

Linkes Bild: In den ersten Jahrzehnten seit der Gründung betonte
die Migros in der Kaffeewerbung häufig den exotischen
Charakter des Kaffees. So auch in diesem Plakat von
Karl Schlegel, das zwischen 1935 und 1940 entstand. Rechtes Bild: Ein farbenfrohes Plakat von Donald Brun aus dem Jahr
1943, der den Absender Coop und den Claim geschickt in
der Titelzeile der beiligenden Zeitung unterbringt. Quelle: Plakatsammlung, Museum für Gestaltung Zürich, ZHdK
Linkes Bild: In den ersten Jahrzehnten seit der Gründung betonte die Migros in der Kaffeewerbung häufig den exotischen Charakter des Kaffees. So auch in diesem Plakat von Karl Schlegel, das zwischen 1935 und 1940 entstand.
Rechtes Bild: Ein farbenfrohes Plakat von Donald Brun aus dem Jahr 1943, der den Absender Coop und den Claim geschickt in der Titelzeile der beiligenden Zeitung unterbringt. (Quelle beider Bilder: Plakatsammlung, Museum für Gestaltung Zürich, ZHdK)

Schliesslich lancierte Nestlé das neue Produkt am 1. April 1938 unter dem Namen Nescafé. Daraus entwickelte sich eine der erfolgreichsten Lebensmittelmarken des 20. Jahrhunderts. Bereits 1940 war Nescafé in über dreissig Ländern erhältlich. Der endgültige Durchbruch gelang in der Nachkriegszeit, als Nescafé Teil der Verpflegungsration der US-Armee wurde und dadurch in zahlreichen Stationierungsländern sowie später in Grossbritannien und den USA Bekanntheit erlangte. Bis heute beschert Nescafé dem Lebensmittelkonzern hohe Umsätze. Angeblich werden weltweit rund 5'500 Tassen Nescafé pro Sekunde getrunken. Verschiedene Experten wie Chahan Yeretzian, Professor für analytische Chemie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, gehen sogar davon aus, dass löslicher Kaffee künftig geschmacklich das Niveau hochwertiger Spezialitätenkaffees erreichen könnte.

Arthur Schmed, Erfinder der Kaffeevollautomaten für den Heimbetrieb, mit Prototypen.
Bild: Arthur Schmed An- fang der 2000er mit einem Funktionsmuster und dem Prototypen seiner vollauto- matischen Kaffeemaschine (Quelle: Peter Schweizer, «Systematisch Lösungen finden» behandelt, 3. überarbeitete Auflage 2008, vdf Hochschulverlag an der ETH Zürich).

Die nächste grosse Erfindung, die den Kaffeestandort Schweiz nachhaltig festigte, ging von einem Maschinenbauer einer Sondermüllverbrennungsanlage aus. Arthur Schmed, so sein Name, hatte sich Ende der 1970er-Jahre den Ruf erworben, nahezu jede Maschine reparieren zu können. Als der Italiener Sergio Zappella, Besitzer eines Elektrofachgeschäfts in Wetzikon, Probleme mit Espressomaschinen aus italienischer Produktion hatte, wurde Schmed hinzugezogen.

Die technische Lösung fand er rasch. Doch das Thema liess ihn nicht mehr los. Seine Idee war, eine Maschine zu entwickeln, mit der auch Laien zuverlässig guten Espresso zubereiten konnten. Der gesamte Prozess von der Mahlung bis zur fertigen Tasse sollte automatisiert ablaufen, einfach zu warten sein und gleichzeitig in eine heimische Küche passen. Dies gelang dem Ingenieur durch die Entwicklung einer herausnehmbaren und wasserfesten Brühgruppe. Gemeinsam mit Sergio Zappella gründete er die Firma Saeco. Unter dem Label des Haushaltsgeräteherstellers Solis präsentierten die beiden auf der Mustermesse Basel den ersten Kaffeevollautomaten für den Heimgebrauch. Die Maschine entwickelte sich in den folgenden Jahren zu einem Bestseller.

Der Kaffee aus diesen neuen Maschinen war weniger stark und zähflüssig als der Espresso aus klassischen Siebträgermaschinen. Gleichzeitig unterschied er sich deutlich vom Filterkaffee. Die charakteristische Crema auf der Oberfläche verlieh diesem Getränk seinen Namen: Der Schweizer Café Crème war geboren. Der Erfolg dieser Vollautomaten schuf einen neuen Markt. Schon bald traten weitere Schweizer Hersteller in Konkurrenz zueinander und legten damit das Fundament für den weltweiten Ruf von Kaffeemaschinen «Made in Switzerland». Heute statten Schweizer Hersteller grosse internationale Gastronomie- und Fast-Food-Ketten mit Kaffeevollautomaten aus. So beliefert Thermoplan aus Weggis das weltweite Filialnetz von Starbucks. Franke aus Aarburg stattet die Küchen von McDonald's aus. Schaerer aus Zuchwil liefert Maschinen für Dunkin'.

Nur ein Jahr nach dem ersten Kaffeevollautomaten brachte Nestlé bereits das Nespresso-System auf den Markt, das vom Ingenieur Eric Favre in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung entwickelt worden sein soll. Bei diesem System wird der Kaffee portionsweise in Aluminiumkapseln geliefert. Nestlé liess sich die Kapselform patentieren und verhinderte dadurch über viele Jahre erfolgreich den Eintritt anderer Hersteller in den margenstarken Markt. Der wirtschaftliche Erfolg blieb zunächst aus und setzte erst in den Nullerjahren richtig ein. Zum Durchbruch trug auch die Werbekampagne mit dem US-Schauspieler George Clooney bei, der den berühmten Werbespruch «What else?» weltweit bekannt machte. Die über zehn Milliarden Nespresso-Kapseln, die jedes Jahr verkauft werden, werden bis heute in Avenches, Orbe und Romont produziert.

Der Erfolg von Nespresso machte die Schweiz in den 2010er-Jahren zum Exportweltmeister für Röstkaffee nach Umsatz. Obwohl Deutschland und Italien deutlich grössere Mengen exportierten, erzielte die Schweiz mit knapp zwei Milliarden Euro Umsatz mehr als 40 Prozent höhere Erlöse als ihre beiden Nachbarländer. Heute ist die Schweiz nicht nur im Export von Röstkaffee stark, sondern auch im internationalen Handel mit Rohkaffee von zentraler Bedeutung. Schätzungen zufolge werden zwischen 50 und 75 Prozent des weltweit gehandelten Rohkaffees über Standorte zwischen Winterthur und Genf abgewickelt. Zu den wichtigsten Akteuren zählen Tochtergesellschaften internationaler Konzerne wie die Neumann Kaffee Gruppe aus Hamburg, Jacobs Douwe Egberts aus Amsterdam oder Starbucks aus Seattle. Neben steuerlichen Vorteilen profitiert die Schweiz von stabilen rechtlichen Rahmenbedingungen, einem verlässlichen Finanzsystem und internationalen Verträgen, die sichere Geldtransfers sowie die Umwandlung in stabile Währungen ermöglichen.

Quellen

Joscha Gewinner von Beanwatch Coffee

Joscha Gewinner

interviewte für das Buch zwischen 2019 und 2021 über 20 Menschen aus der Schweizer Kaffeebranche und verfasste daraus Porträts über Röstereien, Kaffeemaschinenherstellern, Café-Betreibern und einem Kaffeeforschungsinstitut auf über 200 Seiten.

Plus de connaissances sur le café